Spüren, dass man lebt
Endlich Urlaub. Frei sein. Eintauchen in eine andere Welt. Eine Insel mit tropischer Atmosphäre. Fischer; die bei Sonnenaufgang im seichten Wasser stehen, den glitzernden Ozean vor sich ausgebreitet. Die Luft, so samtweich wie ein Kissen.
Mangos, Guaven, Papayas, Ananas schon zum Frühstück- Gelbe Singvögel, die sich frech der Tellerreste bemächtigen. Schnorcheln in sonnenwarmen, grünen Wellen. Zebragestreifte Fischlein, die lustig an den Füssen knabbern und auf Zentimeter an den Strand herankommen, als wollten sie die Grenze zwischen Wasser und Land überspringen. Sonnenuntergangsschauspiel mit Vivaldi und Pavarotti. Die Musik zieht hinaus in die Ferne und versinkt mit dem glutroten Ball im Meer. Eine Band spielt « What a wonderful world» von Louis Armstrong. Tanzen unter dem Kreuz des Südens. Die Lust zu leben, so kann sie aussehen. | | |
Einfach aussteigen
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Einmal ehrlich: Haben Sie im Anschluss an einen traumhaften Aufenthalt in exotisch, mediterranen Gefilden nicht schon ähnlich enthusiastisch über das «Hier bleiben für immer» nachgedacht? Denn Reisen ist nicht selten ein Mittel zur Erkenntnis. Der geistige Horizont wird geweitet. Man entwicklt neue perspektiven. Möglicherweise haben Sie sich über die Zeit der Pensionierung Gedanken gemacht und was dagegen spräche, am Tag X zu Hause die Zelte abzubrechen, um überzusiedeln.
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| Die Urlaubsstimmung in den Alltag retten |
Auch während des täglichen Durcheinanders und Nebeneinanders ist ein Gefühl der Leichtigkeit möglich. Ein etwas anderes zwar als das unserer Reisen. Etwas moderater vielleicht und stärker von gedanklicher Selbstbeobachtung geführt statt von Euphorie. Aber vom Ergebnis her ebenso von Lebenslust geprägt. Fortan gilt also nur noch: Das unbeschwerte Gefühl aus dem Urlaub mitzunehmen, es beizubehalten und gut zu bewahren, um sich trotz des Alltäglichen ein Dolce Vita ermöglichen zu können. Wäre das nicht auch in Ihrem Sinne?
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| Bedürfnisse nicht vernachlässigen |
Zählen Sie doch einmal zusammen, wie oft Sie in letzter Zeit daran gedacht haben, ein paar Tage frei zu nehmen. Kam es mehrmalig: vor, dann vernachlässigen Sie zurzeit scheinbar einen bedeutenden Aspekt in Ihrem Leben. Und setzen sich -möglicherweise aufgrund einer grossen Anpassung an das, was Sie von sich selbst oder die Menschen Ihrer nahen Umgebung von Ihnen erwarten mit Ihren wahren Bedürfnissen auf Sparflamme. Es liegt nahe, dass Sie sich vermutlich zu sehr nach dem Willen anderer richten. Oder sich Ziele gesetzt haben, die Ihrer natürlichen Persönlichkeit zuwiderlaufen, und dass Sie sich deshalb nicht genug ausleben können, ausser eben im Urlaub. Kann es sein, dass diese Vermutung stimmt? Wenn dies nicht zutrifft, möchte ich Sie gerne anders fragen: « Waren Sie heute zufrieden mit dem, was Sie ge macht, und erlebt haben, oder hatten Sie wie schon mehrfach das Gefühl, dass Ihrem Leben etwas fehlt?"
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Lebe deine Vorstellung!
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Alles soll leicht sein: die Arbeit die Liebe, das Ichsein-Können.
Doch die Wirklichkeit ist nicht immer so leicht, wie wir sie uns wünschen. Deshalb beschäftigen sich seit Menschengedenken unsere Träume damit, wie wir dorthin gelangen, unerwünschten Zwängen weniger folgen zu müssen, weniger Belastungen- weniger Ängste zu haben und dafür umso mehr einem Leben nachgehen zu können, in dem man so sein kann, wie man möchte. Im Geiste entwerfen wir laufend neue Bilder, was alles dazu geschaffen wäre, unseren Lebenshunger zu stillen. In unserem Kopf wachsen Visionen heran, wie wir tatsächlich leben müssten, damit wir das «So-sein- Können-wie-ich-will» täglich geniessen könnten. In unserer Seele dürsten wir insgeheim danach, «Ja» sagen zu können zu dem, was wir sind, um Frieden zu schliessen mit dem, was wir an Wirklichkeit erfahren, und dem, was unseren Vorstellungen entspricht.
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| Vorstellungen geben Impulse |
Das klingt ein wenig mystisch. Dennoch, die Erfahrung bestätigt es: Jeder kennt dieses Moment, eine Vorstellung zu haben, die man gern in die Tat umsetzen möchte. Die eine scheint machbar, die andere gefährlich. Und Gefühlsschwankungen sorgen dafür, dass wir heute spontan alles dafür tun würden, was wir nach einem nächtlichen überschlafen schon für Wahnsinn hielten. Trotzdem ist jede Vorstellung für sich ein Beweis für das immer währende Verlangen, unser Leben auszugestalten, ihm Impulse zu geben, Abwechslung und neuen Pep. Gut möglich, dass wir gegen Ende eines Jahres befriedigt feststellen, wie aus Wunschdenken Realitäten wurden. Oder aber, wie sehr man sich von der eigentlichen Vorstellung entfernt hat. Zum einen vielleicht, weil man wichtige Entscheidungen gescheut hat, nicht vom Sofa runterkam, um überall da Korrekturen vorzunehmen, wo es dringend nötig und möglich gewesen wäre. Zum anderen vielleicht, weil unverhoffte Ereignisse auf uns einprasselten, die all unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen und uns jeden Spielraum für Veränderung beschnitten. Da hiess es: vernünftig bleiben. Bloss kein Übermut. Durchhalten, bis man wieder aufatmen kann
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| Kluft zwischen eigenen Ansprüchen und persönlichen Stärke |
Ob es ein Wachstum gibt und wir zu einer neuen Person in uns aufbrechen, bestimmen wir selbst. Nach meinem Dafürhalten ist das Gros der Heutigen, die sich ohne konkreten Grund (wie Krankheit, Armut oder Arbeitslosigkeit) zu einem freudlosen Volk zu entwickeln drohen, schon allein deshalb so unfroh, weil die Kluft zwischen den eigenen Ansprüchen an das Leben und dem, was an persönlichen Stärken im Einzelnen vorhanden wäre - aber nicht gelebt wird - immer grösser wird. Dort, wo der Einwand trifft, begegne ich Menschen, die alles haben wollen, sich aber nicht die Mühe machen möchten, ihre ureigenen Qualitäten herauszuschälen, um das Gewollte damit zu erlangen.
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Trend läuft in die falsche Richtung
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Doch wen wundert es? Der Trend läuft hierzulande seit geraumer Zeit in die verkehrte Richtung. Der Slogan «lch will alles, und zwar sofort» hat bei nicht wenigen dazu geführt, dass sie von ihren innewohnenden Kräften nichts mehr wissen. Dabei trägt jeder Mensch eine Fülle von Möglichkeiten in sich, ein Geschenk, das uns dient und weiterbringt. Doch es entspricht nicht dem Zeitgeist, persönlich darüber nachzudenken, wie man diesen Schatz bergen könnte. Manche mögen denken: « Warum soll ich Stärken in meiner Persönlichkeit ausloten, wenn ich es einfacher haben kann?" Denn bequemer ist es, sich daran zu orientieren, was andere vorgeben, und Vorgekautes wiederzukäuen. Und ehrlich gesagt, genau das wird uns heutigentags leicht gemacht.
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| Mit dem Blick auf das Wesentliche |
Manchmal, wenn man Geburtstag hat und eine neue Null hinten angestellt wird, hält man Resümee. Dann wünscht man, die Uhr möge ein einziges Mal zum Stillstand kommen, alle Kugeln sollten aufhören zu rollen. Man ersehnt eine Unterbrechung im Fortgang der Jahre und beim Zusammenschrumpfen der Zeit, die bleibt. Und man nimmt sich vor, keinen Tag mehr zu verplempern, keine Stunde mehr mit Zeitgenossen zu verbringen, die unsympathisch sind. Dass man sich stattdessen für Menschen interessieren möchte, die durch innere Schönheit, durch Offenheit bestechen und deren Warmherzigkeit bereichert. Man beschliesst, die persönliche Werteskala zu verändern, andere Fragen zu stellen, bessere Antworten zu geben und von sich selbst Neues zu verlangen. Man nimmt sich vor, künftig mehr Mussestunden einzuplanen. Selbst solchen marginalen Erscheinungen wie dem Amsel-Drossel-Gezwitscher will man erhöhte Aufmerksamkeit schenken, erkennt man darin doch auf einmal den schönsten Klang, den es gibt. Und man versucht, öfter dem Wink zu folgen, der dahin zeigt: «Nimm dir Zeit, deinen Tag zu geniessen. Bleib mal stehen. Setz dich kurz auf eine Bank oder ins Strassencafe. Hör hin, sieh es - du lebst. Und es ist Sommer. Ist das nicht ein herrliches Gefühl.
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Jeden Tag das Leben spüren
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Doch plötzlich wird alles andere wieder wichtiger. Die gefassten Vorsätze, mit seiner Lebenszeit bewusster umzugehen, sind passé. Alles eilt. Alles muss schnell gehen. Die scheinbaren Dringlichkeiten dominieren. Private Bedürfnisse werden vertagt. Die Konsequenz: Man sitzt am Ende zu selten auf der bewussten Bank, um den Vogelgesang oder die Jahreszeit zu vermerken. Man nimmt sich wieder keine Ruhe: nicht für Menschen, die einem innerlich näher stehen als mancher Anverwandte - nicht für das Bewusstsein «Ich will jeden Tag spüren, dass ich lebe - will mir über die Endlichkeit meines Lebens im Klaren bleiben». Und weshalb schlampt man damit? Weil es so entsetzlich schwer fällt, sich umzustellen, weil man unentwegt meint, ein pflichterfülltes Leben führen zu müssen und zu viele Kompromisse macht. Weil man die Hoffnung hegt, morgen noch genug Zeit für seine Sehnsüchte zu haben. Also wird sämtliche Energie wieder für jene Dinge eingesetzt, von denen man glaubt, dass sie einträglicher sind. Und ehe man sich versieht, ist der Sommer vorüber.
Horst Gonen
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